PERRY-RHODAN-Kommentar 2098


ENDSPURT?


Rund fünf Monate nach der Genese SEELENQUELLS ist beachtliche Bewegung in die Gesamtsituation gekommen. Der Ausgang ist zwar weiterhin ungewiß – nicht zuletzt vor allem, weil sich Perry Rhodan in der Gewalt der Superintelligenz befindet und es wohl nur eine Frage der Zeit ist, wie lange er ihr widerstehen kann –, aber die Ausgangsposition für den »Endspurt« ist keineswegs schlecht, zumindest aus »menschlicher« Betrachtungsweise.

Das Hauptproblem ist aber zweifellos, daß der Gegner eben kein menschlicher ist, sondern ein Geschöpf, dem aus Sicht der Milchstraßenbewohner das Etikett »negative Superintelligenz« anhaftet. Hier darf man nämlich weder ein menschliches Denken noch ein solches Handeln erwarten, muß stets auf böse Überraschungen gefaßt sein. Man muß vor allem den Fehler vermeiden, Strategien anwenden zu wollen, die bei einem »normalen« Gegener vielleicht angemessen wären, kaum jedoch bei einem Wesen wie SEELENQUELL.

Während er auf die Entführung Bostichs noch vergleichsweise »konventionell« reagierte, indem er mit dem Enzon-Roboter einen neuen Imperator installierte und diesen die Kriegserklärung aussprechen ließ – was dank der »Mithilfe« der beeinflußten Posbis zur Besetzung des Solsystems führte –, war das öffentliche Auftreten im Rahmen der Hanischen Zeremonie schon von einem anderen Kaliber.

Der Versuch, über Morkhero Seelenquell einen »Ableger« seiner selbst in das »sechsdimensional funkelnde Juwel« des Solsystems hineinzugebären, zeigte weiterhin, daß Denken, Handeln und Ziele SEELENQUELLS in anderen Kategorien zu messen sind. Für uns ist es schon schwierig genug, seine wahre Macht genau einzuschätzen, obwohl wir von Perry Rhodan die Entstehung kennen: Die Funken, die die Kugel aus unbegreiflicher Substanz ausstrahlte, schienen sich aus den Hologrammen zu entfalten, brachen auf und strömten Gedanken und Begriffe, Bilder und Emotionen aus. Morkhero, überschwemmte es Rhodans Geist, Sepzon-Gürtel, Anzug der Phantome ... Und: Wrehemo ... Wrehemo Seelenquell! Plötzlich wußte er, wie die Superintelligenz entstanden war. Er wußte, daß Morkhero derjenige war, der vor dem Schiff lag, und Wrehemo die Monochrom-Mutanten in sich aufnahm. Dann ein quälender Hilfeschrei, eine Einsicht, die aber viel zu spät kam: Auf dem Weg zur Superintelligenz kann man keine Abkürzung nehmen! Und Rhodan spürte ... grenzenlose Gier. Machtbesessenheit. Verachtung für alles Leben. Rhodan spürte die Qualen der Monochrom-Mutanten, die gegen ihren Willen in der Regenbogenkugel aufgingen, hin und her gerissen zwischen Hoffnung und Verzweiflung. Der Tod war ihnen gewiß, doch diese körperlose Existenz hatte ihnen wahrlich nicht vorgeschwebt.

Der Terraner wußte spätestens seit den Verhandlungen mit Hismoom, daß man weder Kosmokraten noch Superintelligenzen nach menschlichen Maßstäben messen konnte. Moralische Vorstellungen selbst eines Unsterblichen hatten für solche Entitäten keine Gültigkeit. Aber Rhodan konnte, auch wenn er sich jeder moralischen Einschätzung enthielt, die parasitäre Natur der Entität nicht ignorieren, die vor seinen Augen entstand. Sie verschmolz weniger mit den Bewußtseinssplittern der Mutanten, als daß sie sie fraß wie ein gieriger Moloch, ihre Kräfte aufsog und sich einverleibte.

Und er ... er konnte nichts gegen diese unbeschreibliche Genese tun. Er konnte nur beobachten. In einem Augenblick beklemmender Hilflosigkeit spürte Rhodan, daß er die Entstehung einer Superintelligenz miterlebte, und war zweifelsfrei davon überzeugt, daß es sich um eine negative handelte. (PR 2050)

Niemand vermag zu sagen, wie viele Hände inzwischen unter dem direkten Einfluß SEELENQUELLS stehen; ihre Zahl dürfte allerdings in die Millionen (oder gar Milliarden ...?) gehen, und es wird selbst beim massiven Einsatz von PsIso-Fluid und Multi-Zheosin schwierig werden, alle in naher Zukunft »auszuschalten«. Ein Teilziel kann allerdings schon erreicht werden, wenn jene, die an den maßgeblichen Schaltstellen der Macht sitzen, befreit werden können – so geschehen bei vielen Regierungsmitgliedern und Flottenbefehlshabern der Blues.

Zug um Zug sind die Galaktiker vorgegangen, im Versuch, das Heft des Handelns an sich zu ziehen und SEELENQUELL seiner konventionellen Machtbasis zu berauben: Die Posbis wurden befreit, mit dem Residenzfunk unablässig die wahren Zusammenhänge verkündet, das Solsystem ebenso zurückerobert wie das noch vor SEELENQUELL besetzte Kreit-System.

Mit der Ausrufung des Trav’Tussan am Morgen des 24. Mai 1304 NGZ – entspricht dem 19. Prago des Tedar 21.423 da Ark – wurde dann ein weiterer Schritt vollzogen: Durch fast 150.000 Raumschiffe, zu denen ständig neue hinzustießen, wurde die noch auf SEELENQUELLS Seite stehende Arkonflotte in einem Maß gebunden, daß durchaus von einer Paralyse gesprochen werden kann, denn das von Begam Bostich geleitete Gegenimperium gewähren zu lassen wäre ebenso ein Fehler, wie den Kampf aufzunehmen.

Letztlich – und das entspricht den Planungen der Beteiligten – ist SEELENQUELL im vom Kristallschirm geschützten Arkon-System zumindest scheinbar isoliert, und selbst der dortige Einbruch, um den entworfenen Einsatzplan Sekundärwaffe Geistertanz umzusetzen, dürfte keineswegs unmöglich sein, wie im Roman nachzulesen ist.

Aber: So weit – so gut oder auch schlecht.

Denn die Kernfrage bleibt, inwieweit hier vielleicht die Rechnung ohne den Wirt gemacht wurde, weil – wie eingangs erwähnt – weiterhin Perry Rhodan der Superintelligenz direkt ausgeliefert ist und niemand zu sagen vermag, was dieses Wesen vielleicht noch in petto hat. Im Vergleich zu anderen uns bekannten Superintelligenzen mag SEELENQUELL »nur« ein Baby sein, eben erst entstanden und unerfahren, aber dennoch handelt es sich um eine Superintelligenz – und mit einer solchen ist nie zu spaßen ...

Rainer Castor